DARMSTADT.   Die Stadtkirche Darmstadt feiert ihre Orgel: Vor fünfzig Jahren wurde das Instrument eingeweiht, und ihm zu Ehren wurde ein Nachtkonzert gegeben, das auf amüsante Weise durch die Welt der Orgel und Organisten streifte. Iris Strombergers kraftvoll vorgetragene Lesung wechselte in rund 80 Minuten mit musikalischen Beiträgen ab.
Die Firma Bosch aus Sandershausen errichtete 1961 den seit 1600 sechsten Nachfolgebau der Stadtkirchen-Orgel. Das Instrument verfügt über 51 Register in Haupt-, Ober-, Brustwerk und Pedal und hat eine mechanische Spieltraktur. Seine Registertraktur ist elektrisch mit fünf freien Kombinationen. Die ursprüngliche Disposition war am neobarocken Klangideal ausgerichtet und besaß eine Vielzahl an Obertonregistern. In den achtziger Jahren gab es eine Erneuerung der Bosch-Orgel, 2006 eine grundlegende Sanierung mit Reinigung und Neuintontation, so dass das Werk für die kommende Zeit gut gerüstet sein dürfte.
Schön ist auch ihr Klang, wie Kantor Christian Roß eindrucksvoll demonstrierte. Ob bei Purcell – „Sound The Trumpet“ – gemeinsam mit den Sopranistinnen Susanne Hladek-Bach und Birgit Trost, Vivaldis „Laudamus Te“, indem zusätzlich noch die Altistin Katharina Roß sang oder allein in Bachs berühmter Toccata d-Moll, die Roß mit viel künstlerischem Gespür und Gefühl für Tempogestaltung in Szene setzte. Die Komponisten-Auswahl des Abends las sich wie das Who-is-Who der Orgelliteratur, inklusive Anton Bruckner (leider nur im Wortbeitrag), Reger und Buxtehude. Aus der „Sinfonie Romane“ von Charles-Marie Widor spielte Roß den ersten Satz daraus brillant und entzerrte das Stimmengeflecht meisterlich. Der Hörer konnte da philosophisch werden, nachdem er soeben die Lesung aus Robert Schneiders Orgelgenie-Roman „Schlafes Bruder“ vernommen hatte, wo das Virtuosentum des Elias Alder pathetisch skizziert wird.
Weitere Gedichte und Texte, die allesamt aus Hans Haselböcks „Organistenbüchlein“, Heinrich Wismeyers „Geschichten um die Orgel“ sowie Meinrad Walters „Mein Lieblingsinstrument: Die Orgel“ entnommen waren, schlugen zum Teil auch eine humorvoll Richtung ein.
Christian Roß selbst steuerte seine gelungene Eigenkomposition „Gebet für zwei Soprane und Orgel“ bei, ein schwelgerisches Werk, das die versierten Sopranstimmen mit warmen Arpeggien begleitet.

( Manuel Stangorra, Darmstädter Echo, 24. Mai 2011)