DARMSTADT. Große Momente der Musikgeschichte: Die Dur-Detonation „Und es ward Licht“ fährt dem Hörer auch mehr als 200 Jahre nach der Uraufführung der „Schöpfung“ zuverlässig in die Eingeweide; später geht im Orchester auch noch, erst mählich, dann prächtig, buchstäblich die Sonne auf – aber der Mann steht scheinbar ungerührt da und gibt Anweisungen. Kantor Christian Roß hat seine eigene Art, die Dauer-Euphorie in Joseph Haydns Oratorium in musikalische Glücksmomente zu wandeln. Inmitten aller Hymnen und heiteren Gesänge, welche die Stadtkirche erfüllen, sortiert und koordiniert er, dass es eine Freude ist.
Seine Darmstädter Kantorei und die Philharmonie Merck lohnen es mit einer grundsätzlich packenden Wiedergabe, die über zwei Stunden genügend Varianten des frommen Frohsinns bietet. Der Chor ist dabei so präzise wie sein Dirigent, die Aussprache fast durchweg (nur aus „Himmel an“ wird „Himmelan“) klar und sinnstiftend. Dass sich das Orchester zeitweise wie eine Klangwand vor die in der Tiefe des Chors platzierten Sänger schiebt, liegt am Raum, nicht an der Qualität.
Gewiss, die Philharmonie Merck ist schon mit mehr Konzentration und weniger Fehlern aufgetreten; aber auch sie schafft Phasen der Seligkeit im Lobpreis der Schöpfung. Dazu gehört unbedingt die Begleitung der ergreifenden Arie „Nun beut die Flur das frische Grün“, die just den Balsam-Duft verströmt, der hier besungen wird.
Das tut die Sopranistin Gerlinde Sämann, die exakt den Ton der „Schöpfung“ trifft und die schlichte Schönheit in Süße und Natürlichkeit einfängt.
Im Duett mit ihr gewinnt auch Bassist Ekkehard Abele mit unprätentiösem Vortrag an Stilsicherheit; seine angenehme Stimme hat er anfangs ein paarmal zur Forcierung, später zur eindrucksvollen Beschreibung des Bestiariums auf Erden eingesetzt. Tenor Andreas Wagner verkörpert am nachdrücklichsten, dass Haydn das Oratorium mit dem Musikdrama gekreuzt hat. Seine Orientierung an der Oper erscheint angebracht; erst gegen Ende klingt dabei etwas Anstrengung durch.
Haydns Welt, wo die Flöte für die Nachtigall trällert und wo es die Geigen regnen lassen, ist an diesem Abend jedenfalls in guten Händen. Als prägend erweisen sich Frische und Einfühlsamkeit im Bemühen, diesen prallen Bilderbogen so spannend wie möglich zu zeigen.

(Darmstädter Echo, Christian Knatz, 14. Juni 2011)