DARMSTADT   Wie in einem Krimi fühlt sich der Zuschauer, als plötzlich das Licht ausgeht und 33 Taschenlampen aufleuchten. Schnell und grell blitzen die Strahlen durch den voll besetzten Saal des alten Gemeindehauses der Stadtkirchengemeinde in der Darmstädter Kiesstraße. Premiere für das Musical „Klassengeflüster“, das neue Stück der Kurrende der Darmstädter Singschule – gleich zweimal führten die Jugendlichen ihr Werk am Wochenende auf.

Minutenlang streifen die jungen Sänger durch den dunklen Saal, anfangs wild durcheinander, dann aber schließen sie die Zuschauer in einen Kreis ein und beleuchten ihre eigenen Gesichter vom Kinn aus mit der Taschenlampe – ein echter Gruseleffekt. Christian Roß, der Leiter der Darmstädter Kantorei und der Singschule, begleitet das Treiben auf dem E-Piano gemeinsam mit einem Ensemble aus drei Streichern, einem Kontrabass, einem Cello sowie einer Querflöte. In dieser Szene will eine ganze Schulklasse nachts gemeinsam ihre Mitschülerin Theresa (Jane Dreiss) aus der einengenden Obhut der ehrgeizigen Mutter (Inga Krohberger) befreien.

Klassengeflüster“ erzählt zum einen von der Liebe zweier Musikfreude, aber auch viel von der Lebenswelt und dem Lebensgefühl heutiger Jugendlicher. Die 35 Sänger der Kurrende, Fünft- bis Neuntklässler, haben die Idee für ihr Musical selbst geliefert. Christian Roß, der Leiter der an der Stadtkirche angesiedelten Darmstädter Kantorei, der 2007 die Singschule eingeführt hat, machte sich gemeinsam mit seiner Frau Katharina daran, die Lieder für das neue Jugendmusical zu schreiben. Im Januar nahm das Musikerpaar die Proben auf.

Den Text für das Stück schrieben die beiden den Mitwirkenden auf den Leib. Die Orchesterbearbeitung fiel Roß nicht schwer. Wie schon beim Singspiel „Noah und die Flut“, bei dem Mitglieder der Singschule an einer Gemeinschaftsproduktion mit dem Staatstheater mitwirkten, übernahm die freie Regisseurin Bettina Geyer auch bei „Klassengeflüster“ die schauspielerische Leitung. Szenen in der Klasse rund um die sich entwickelnde, von der strengen Mutter beäugte Beziehung zwischen den Schülern David und Theresa wechseln sich ab mit Soli, Duetten und Chorliedern.

Ausdrucksstark verkörpert Jane Dreiss die musisch begabte, aber von der Mutter eingesperrte Theresa und legt ihre Verzweiflung gefühlvoll in ihre weiche Stimme. Yannic Blauert mimt den arglosen, ebenfalls musikalischen David mit glasklarer hoher Stimme. Nur sein rotes Che-Guevara-T-Shirt mit der Aufschrift „Guerilla“ will so gar nicht zu ihm passen.

Die anderen Sänger sind mit flotten Sprüchen, Tanzeinlagen und melodiösen Chorliedern ebenfalls gut dabei. Szenisch und musikalisch bietet das Musical viel Abwechslung: Präsentieren die Singschüler eingangs bei der Darstellung einer Musikstunde die Namen bekannter Komponisten zur Melodie von Beethovens „Freude schöner Götterfunken“, folgt sogleich der Rap „Mozart und Haydn konnten sich gut leiden“. Mit „I wish I could fly“ besingt Theresa gefühlvoll in einer melodiösen Popballade ihre Sehnsucht nach Freiheit.

Als sich Theresa einigen Klassenkameradinnen anvertraut, verdrehen diese das Gesagte und verspotten ihre sonderbare Mitschülerin vor den anderen mit dem rockigen, eingängigen Song „Wisst Ihr schon das Neueste“. Als die Intrige aufgeklärt ist, stellen sich alle hinter David und wollen Theresa befreien.

Den Plan, ihre Mitschülerin in der Nacht aus dem Elternhaus zu holen, besingt die Kurrende in den rhythmischen Liedern „Heute Nacht“ und „Alle oder keiner“. Als Theresa und David endlich zueinander gefunden haben, singen sie auf Stühlen stehend die Hymne „I have a dream“. Der Chor pflichtet ihnen moralisch bei: „Lebe deinen Traum, trau dir Freiheit zu. Nur wer wagt, gewinnt, Fehler gehör’n dazu.“
Dieses Motto scheint auch die Mitwirkenden zu dieser beachtlichen musikalischen wie schauspielerischen Leistung angespornt zu haben.

(Darmstädter Echo, 14. November 2011, Rebecca Keller;  Foto: Claus Völker)