DARMSTADT.

Die Stadtkirche hat keine wuchtige Akustik. Der Klang der rund 35 Sänger der Darmstädter Kantorei ist klar und rein, als Zuhörer ist man dicht am Gesangs-Ensemble, was eine intime Atmosphäre schafft. Wie passend für die Auswahl an Motetten und Madrigalen, die Chorleiter Christian Roß für das A-cappella-Chorkonzert „Hell und Dunkel“ getroffen hat, mit dem die Kantorei den Konzertzyklus „Sechsklang“ beschloss.
Ein Programm, das sich aus Gegensätzen speiste: nicht nur die geistlicher Motetten und weltlicher Madrigale, sondern auch aus den thematischen des Leidens während der Passion mit dem Ausblick auf die Freude der Auferstehung, was sich in den weltlichen Stücken im dichten Nebeneinander von Liebesglück und Liebeslied spiegelte.

Kontrastreich war auch die unterschiedliche Entstehungszeit der Werke. Die „Quatre motets pour un temps de pénitence“ komponierte Francis Poulenc 1938 zu lateinischen Texten aus der Karzeit. Die letzte Motette „Tristis est anima mea“ (Betrübt ist meine Seele) sang der Chor anschließend noch einmal in der Vertonung des Barock-Komponisten Johann Kuhnau.
Bei Kuhnau überhöht die Harmonie das Leid, es ist dem Göttlichen näher als dem Menschen, zugleich scheint es ohne den Zusammenklang der vielen Stimmen nicht existent. Die Trauer hat etwas Gemeinschaftsstiftendes, während Poulencs Stücke als Reaktion auf den Tod eines geliebten Freundes entstanden, also höchst individuell motiviert sind.

Doch Individualität ist nicht notwendigerweise ein ästhetisches Phänomen der Moderne: Mit „Ecce, quomodo moritur justus“ (Siehe, wenn der Gerechte stirbt) gab der Chor eine höchst farbige Darbietung des Renaissance-Komponisten Carlo Gesualdo di Venosa (1562–1613), der vor allem durch weltliche Stücke bekannt wurde. Überraschend eigenwillig erschien der Umgang mit dem Text.
Nach „Was betrübst du dich, meine Seele“ von Johann Hermann Schein (1586–1630) folgten die weltlichen Stücke. Der Zyklus „Madrigali – Six Fire Songs“ des US-amerikanischen Komponisten Morten Lauridsen (geboren 1943) war ein Höhepunkt dieses Konzertabends. Die zeitgenössischen Vertonungen der Renaissance-Gedichte gab die Darmstädter Kantorei voller Elan zum Besten. Das Temperament nahm dem Vortrag nichts von seiner Verständlichkeit und begeisterte das Publikum.

Gesungene Gedichte waren Madrigale ursprünglich, und zu dieser Ursprünglichkeit gelangte die Kantorei zurück durch eine saubere, dynamische Intonation. Ein zeitgemäßes Programm und ein wahrer Hörgenuss.

(Darmstädter Echo, 03. April 2012  | Natalie Soondrum)