Nachwuchs – Die erste Bläserklasse der Darmstädter Kantorei macht Schule: Zweiter Kurs startet Anfang März

 

Kinder an die Posaunen, und Saxofone, und Querflöten: In der Bläserklasse der Darmstädter Kantorei lernen schon Neunjährige, kniffligen Blasinstrumenten satte Töne zu entlocken – von Anfang an im Ensemble. Nach dem Erfolg der ersten Gruppe soll im März die nächste starten.

 

DARMSTADT. Die werden’s noch weit bringen, diese Kadetten. In sattem, fetten Bläsersound kommen sie daher, posaunentief bis klarinettenklar. Dabei sind sie an diesem Abend nur zu viert, die Schüler der Bläserklasse, die vor einem knappen Jahr an der Singschule der Darmstädter Kantorei gegründet wurde. Erkältungswelle! Saxofon und Querflöte hat’s schwer erwischt. Aber auch in der kleinen Quartett-Besetzung marschiert „Cadets on Parade“ prima, ein feierlicher US-Marsch, zurzeit die Paradenummer der Klasse. Der Sound könnte bald noch voller klingen: Eine zweite Klasse soll ab Anfang März die Grundlagen von Holz- und Blechgebläse lernen – und in nicht allzu ferner Zukunft könnte ein größeres Ensemble draus werden, Auftritte nicht ausgeschlossen.

Kinder an die Posaunen und Saxofone? Das wirkt immer noch etwas ungewöhnlich. Ursula Tilsner, gelernte Hornistin und Musiklehrerin aus Griesheim, hat damit aber schon jahrzehntelange Erfahrung. Die Marching Bands der US-Populärkultur waren das Vorbild, auf das sie vor gut 20 Jahren bei einem Seminar aufmerksam wurde, erzählt sie beim Gespräch vor der Probe, oben im freundlich hellen Gemeindezentrum der Stadtkirche. Die Idee begeisterte sie: „Jeder soll seine eigene Stimme finden, aber im gemeinsamen Spiel auch musikalisches Verständnis füreinander entwickeln.“ Also kein Einzelunterricht, sondern gleich zusammen losblasen, möglichst locker und unverkrampft – aber mit genügend Puste, um durchzuhalten. Doch, die hätten auch Neunjährige schon, sagt Tilsner.

Ausreichend Puste haben sie schon bewiesen

Die Idee habe sich jedenfalls durchgesetzt. An der Griesheimer Gerhardt-Hauptmann-Schule, wo sie unterrichtet, „waren wir damals die ersten in Südhessen“. Inzwischen lehren viele Schulen nach diesem Prinzip. In der Singschule der Kantorei sind die jungen Bläser noch ein Novum. Aber auch sie machen jetzt Schule. Ausreichend Puste haben sie im ersten Jahr bewiesen.

Mit sicherem Griff schiebt Posaunist Tobias, 11 Jahre jung, beim Spielen den bügelförmigen Zug seines Instruments in die richtigen Positionen, hält die Lippen schön auf Spannung, den Blick fest auf sein Notenblatt mit dem Kadettenmarsch gerichtet. Eine ganz hübsche Koordinationsleistung für einen Anfänger, oder? „Nee, gar nicht so schwierig“, sagt der coole Blondschopf, „da gewöhnt man sich dran.“ Ziemlich souverän wirkt auch schon Silvan, der Klarinettist, ebenfalls elf Jahre alt. Während Tobias erst in der Bläserklasse zur Posaune fand – in den ersten sechs Wochen werden alle Instrumente ausprobiert – , kam er schon mit klaren Vorstellungen zur Kantorei. Den Klang der Klarinette empfindet er als „schön voll und rund“, sagt er.

Beim Klezmer-Konzert hat es Silvan erwischt

Live erlebt hat er diesen Sound bei einem Adventskonzert in der Stadtkirche. Irith Gabriely, die „Queen of Klezmer“, hat ihn dort mit ihrer munter-virtuosen Klarinettenkunst verzaubert. Nein, einfach zu spielen sei das Instrument nicht, das habe er schon gemerkt, sagt Silvan. Am Anfang „hat es ziemlich gequietscht“. Das muss so sein, sagt Lehrerin Tilsner. Silvan hielt durch, und der Quietsch-Faktor, das hört man bei der Probe, hat sich inzwischen deutlich gesenkt.

Öffentlich aufgetreten ist die Bläserklasse noch nicht. Aber beharrlich, Ton für Ton kommen die Kadetten voran. Immerhin: Als die ersten fünf Töne saßen, kurz vor den Sommerferien, gab’s ein erstes Vorspiel vor den Eltern.

Vor ein paar Wochen spielten sie dann erstmals gemeinsam eine ganze Tonleiter, unisono. Inzwischen trauen sie sich an mehrstimmige Stücke heran und kleine Solopassagen. Man ahnt: Die haben noch genug Puste für lange Märsche.