DARMSTADT. Das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart ist seit seiner Entstehung von Geheimnissen und Rätseln begleitet. Nach wie vor wird um die passende Vollendung der fragmentarisch überlieferten Sätze und um ihre geeignete Instrumentation gerungen. Die Aufführung des Werks am Totensonntag in der Darmstädter Stadtkirche griff auf die Bearbeitung von Franz Beyer zurück, der sich wiederum auf die Fassung von Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayr stützte.
Das Klangbild, das Kantor Christian Roß mit der Darmstädter Kantorei, einem aus Mitgliedern des Staatsorchesters Darmstadt bestehenden Ensemble und einem Solistenquartett ausbreitete, überzeugte durch die Balance zwischen Vokal- und Instrumentalpart, durch Klarheit der Stimmführung bei insgesamt dunklem, herbem Charakter. Die sehr konzentrierte, von Roß umsichtig geleitete Wiedergabe machte vernehmlich, dass in Mozarts Deutung des Requiem-Textes persönliche Auseinandersetzung neben statuarischer Größe steht. Die Spannweite reichte vom kraftvollen Introitus "Requiem aeternam eis" bis zum innigen "Lacrimosa", das klug gesteigert wurde.

Zu bewundern war die Leistung der stattlichen Kantorei, die in allen Stimmlagen sehr ausgeglichen wirkte, ebenso wie die des Orchesters, in dem vor allem bei den Bläsern hervorragende solistische Leistungen zu hören waren, etwa bei der Posaune, der im "Tuba mirum" der Ruf zum letzten Gericht anvertraut ist.

Das Solistenquartett beeindruckte durch die Klarheit der Stimmen, die sich gerade im Zusammenwirken bestätigte, etwa im zarten Gebet "Recordare Jesu pie". Der schlanke Sopran von Susanne Hladek-Bach, der warme Alt von Carola Göbel, der helle Tenor von Rainer Thomsen und der markante Bass von Stefan Grunwald ergänzten sich hier zu einer idealen Einheit. Mit mächtigem Einsatz dagegen intonierte Stefan Grunwald das "Tuba mirum", dem sich seine Partner homogen anschlossen. Dass es sich bei diesem Requiem um ein nach Mozarts Tod erst vollendetes Fragment handelt, war angesichts der intensiven, spannungsreichen Interpretation kaum zu spüren.

Vorangegangen war die Aufführung der etwa zwanzigminütigen Kantate "De Angelis" für drei Solostimmen, Chor und großes Orchester von dem Stuttgarter Organisten und Komponisten Jürgen Essl. Das 1998 entstandene Werk gründet sich auf sechs Texte, die dem Thema "Engel" gewidmet sind. Da stehen Verse aus dem Markus-Evangelium neben solchen von Hildegard von Bingen, Worte von Paul Klee neben einem Kurzgedicht von Hubert Gaisbauer. Dass Engel als Boten Gottes schrecklich wie tröstlich, bedrohlich wie hoffnungsbringend sein können, kommt hier zum Ausdruck, und dieser Spannweite begegnet eine bildhafte Tonsprache, die bald aufbrausend, bald in sich gekehrt wirkt.

Essl schreibt eine Musik der knappen Gesten, wobei er die Farbpalette des Orchesters variabel nutzt, vom Streichertremolo bis zum ätherischen Violinsolo (Wilken Ranck). Die Vokalstimmen wechseln zwischen skandierendem Sprechen und ausdrucksvollem Singen, der Sinngehalt der Texte teilt sich trotz der modernen Mittel auf einfache, plastische Weise mit. Solisten, Kantorei und Orchester führten das Werk zu einem Erfolg bei den vielen Zuhörern in der Stadtkirche.

(Darmstädter Echo, Klaus Trapp, 25.11.2008)