DARMSTADT. Obwohl Benjamin Brittens Kinderoper "Der kleine Schornsteinfeger" mit leichter Verspätung in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt anfängt, harren die Kinder geduldig und gespannt der Dinge, die da kommen werden. Es sind zwei üble Gesellen, der Schornsteinfeger (Andreas Daum) und sein Gehilfe (Sven Ehrke). Machohaft-derb fixieren sie die Damen des Hauses, die Haushälterin (Elisabeth Hornung) und das Kindermädchen (Anja Vincken). Mit Nachdruck befördern sie den kleinen Sam (Mathis Vondung) am Seil in den Schornstein und machen sich dann aus dem Staub; denn der arme Sam ist im Kamin des herrschaftlichen Hauses eingeklemmt. Schließlich befreien die Kinder ihn, derweil der kleine Schornsteinfeger viel Ruß hinterlässt und fix und fertig am Boden liegt. Klar, das Kerlchen muss erste einmal gebadet und gewaschen werden, bevor man ihn neu einkleidet und vor den Schornsteinfegern versteckt. Denn nach diesen Erfahrungen will der verängstigte Sam nicht mehr zurück zu ihnen. Jetzt sind Solidarität und Einfallsreichtum gefragt.

Wer Kinder unterhalten will, der muss mit viel Fantasie mitbringen. Die bietet die Regisseurin Bettina Geyer zusammen mit ihrem Bühnenbildner Fabian Lüdicke und der Kostümbildnerin Kathrin Hümmerich reichlich. Ein bisschen erinnert die Ausstattung an ein Karussell mit Lämpchen, bunten Tapeten, Silhouetten und Bullaugenfenstern. Aus dem Untergrund des Hauses kommen dann zu dem Schornsteinfeger-Lied, das sich Britten hat für den Beginn einfallen lassen, viele kleine Schornsteinfeger und singen mit. Eigentlich soll dabei auch das junge Publikum einstimmen, doch das ist gar nicht so leicht. Ähnlich wirkungsvoll ist auch das abschließende Kutscher-Lied, nachdem Sam mittels einer Wäschekiste hat aus dem Haus verschwinden können. Das Lied wirkt volkstümlich, ist rhythmisch schmissig und doch etwas vertrackt. So ließ man gestern bei der mit viel Beifall bedachten gut 50 Minuten dauernden Premiere seitens des Publikums das Mitsingen bleiben.

Britten hat für das 1949 uraufgeführte Werk, das den dritten Akt des größer angelegten pädagogischen Theaterstücks "Let's Make an Opera" darstellt, eine raffinierte Musik geschrieben, die feingliedrig und durchsichtig in der Besetzung Streichquartett, Klavier vierhändig plus Schlagzeug daherkommt und von Alexander Stessin mit viel Elan dirigiert wird, der außerdem bei den Choreinsätzen noch die zu singenen Worte nachbildet. Schließlich sind eine Menge junger Darsteller im Alter von sechs bis gut 18 im Takt zu halten, was selbst für den Kinderchor der Staatstheaters und der Kurrende der Darmstädter Kantorei, die damit als neu gebildete Formation ihren ersten Auftritt hat, nicht eben leicht ist. Die Musik ist so zart und durchlässig, dass von ihr die Kinderstimmen nicht erdrückt werden. Erstaunlich ist die Vielfalt der Stimmungen, die die Mitglieder des Staatsorchesters Darmstadt geradezu zauberhaft servieren.

Zu den schönsten Szenen gehören die Nachtlieder, in denen die Tauben turteln und gurren und dumpf der Uhu ruft, wobei die Kinder die entsprechenden Vögel auf Lampions von allen Seiten hereintragen. Köstlich das Bad im Walzertakt mit hoch auffliegendem Schaum, als wäre Sam ein Schaumschläger, dabei wirkt er ängstlich und zurückhaltend, weil er zunächst gar nicht versteht, wie ihm das alles geschieht. Sehr schön, darstellerisch wie sängerisch, gestaltet Nicole Tschaikin die Partie der Julia, die unter der hilfsbereiten Kinderschar zu den älteren gehört. Eine köstliche Verkörperung des Gärtners mit Rückenproblemen breitet Sven Ehrke aus, wenn er mit dem Kutscher die Kiste heraustragen soll; die ist aber so schwer, dass alle mithelfen müssen.

Mitgeholfen an dem schönen wie informativen Programmheft haben Schüler der Bensheimer Goethe-Schule, die auch einen Film zur Entstehung dieser Theaterproduktion gedreht haben, der jeweils vor der Vorstellung im Foyer der Kammerspiele gezeigt wird. Doch ganz von der Bildfläche verschwindet der kleine Schornsteinfeger nicht. In der nächsten Spielzeit wird die Kinderoper wieder aufgenommen.

(Darmstädter Echo, Heinz Zietsch, 26.5.2008)