LIPPSTADT Am Schluss ist da eine lange, spannungsgeladene Pause. Dirigent Christian Roß senkt langsam seine Arme.  Millimeter für Millimeter weicht die Spannung aus seinem Körper, und auch das Publikum braucht seine Zeit, um wieder in den Alltag zurück zu finden. Dann aber kennt der Applaus kein Halten mehr. Kräftig klatschen die Zuschauer, so als wären sie von einer langen Reise zurückgekehrt und müssten erst einmal ihren zahlreichen Gefühlen Luft geben. Denn eine Achterbahnfahrt löste das Chorkonzert "Von Böhmen nach Amerika", das die Darmstädter Kantorei in der Marienkirche gab, in der Tat aus. Die Musik ging direkt unter die Haut. Jeder Ton traf. Mal erreichte er das Publikum geräuschlos wie ein Schuss mit dem Pfeil, mal gewaltig wie ein Kanonendonner.

Nur drei Stücke hatten die Musiker für ihr Konzert ausgewählt. Neben Antonin Dvoráks "Messe in D" interpretierten sie Leonard Bernsteins "Chichester Psalms". Die Organistin Misty Schaffert spielte zudem William Bolcoms Komposition "Amazing Grace". Schon die ersten Töne aus Antonin Dvoráks "Messe in D" berührten. Die Stimmen der Sängerinnen wirkten so, als kämen die Worte aus einer anderen Sphäre. Wie sanfte, wellengleiche Schwingungen erreichten die Töne das Publikum. Es schien so, als würden die Männer- und Frauenstimmen einen Dialog miteinander einzugehen und ein geheimes Abkommen abschließen. Dabei mischte sich das Orgelspiel immer wieder in den Gesang ein, zog sich heraus, um dann mit dem Gesang zu einer harmonischen Einheit zu verschmelzen. Auch die Sänger überzeugten mit ihrer feinfühlig ausgeloteten Interpretation. So beherrschten sie kraftvoll energische Partien. Sie konnten aber genauso gut jede einzelne Silbe in ihrem Mund zergehen lassen.

Beeindruckend war die Interpretation des Chors und des Alt-Solisten Oliver Mey von Bernsteins "Chichester Psalms". Neben Misty Schaffert an der Orgel begleiteten Christof Bielefeld die Aufführung an der Harfe und Frank Behle am Schlagzeug. Dissonant beginnt das Stück. Die Musik schmerzt. An Peitschenhiebe erinnern die am Schlagzeug erzeugten Töne. Beim zweiten Satz, dem "Andante con moto, ma tranquillo", schlagen die Sänger und Musiker indes versöhnlichere Töne an. Es ist eine sehr lebendige und präzise herausgearbeitete Interpretation, die der Chor und die Solisten hier geben.So ist das Konzert am Ende gleichermaßen fruchtbar wie bereichernd. Als Zuhörer kann man froh sein, dabei gewesen zu sein.

(Der Patriot, Lippstadt, 20.05.2008)