Kirchenmusik – Edle Gesangskultur bei einem Kantatenzyklus Dietrich Buxtehudes in der Darmstädter Stadtkirche

DARMSTADTHohe Qualität und Musikalität boten die „Darmstädter Vokalsolisten“ am Sonntag in der Darmstädter Stadtkirche in der Aufführung von Buxtehudes Kantatenzyklus „Membra Jesu Nostri“. Eindringlich intonierten die fünf Sänger diese Musik zur Passionszeit.

Das Spannende an Barockmusik ist, dass sich immer wieder neue Varianten in der Spielweise finden lassen, deren Resultat aber immer eine stimmige musikalische Interpretation sein sollte. Schon im 17. und 18. Jahrhundert war es üblich, die Musik der jeweils vorgefundenen Ausstattung anzupassen. So ist es möglich, die Gamben in der sechsten Kantate aus Dieterich Buxtehudes Zyklus „Membra Jesu Nostri“ teilweise durch Geigen zu ersetzen.

Das entspricht zwar nicht der Partitur, die mit dem Einsatz eines fünfteiligen Gambenkonsorts auf ältere Instrumente zurückgriff. Da kann der Zuhörer schon etwas vermissen. Er kann sich aber auch auf die am Sonntag in der Darmstädter Stadtkirche gespielte Fassung mit den beiden Geigen einlassen und feststellen, dass dem Ganzen nicht viel genommen, sondern, im Gegenteil, eine eigene Prägung gegeben wird.

Den instrumentalen Part in Buxtehudes 1680 entstandenem Passionszyklus hatte auf alten Originalinstrumenten ein Streicherensemble um die Geigerin Monika Nußbächer übernommen, unterstützt von Jorin Sandau am Cembalo und Joachim Enders an der Orgel. Unter der Gesamtleitung von Stadtkirchenkantor Christian Roß präsentierten das Ensemble sowie die Sängerinnen und Sänger Susanne Hladek-Bach und Birgit Trost (Sopran), Katharina Roß (Alt), Christian Roß und Matthias Seibert (Tenor) sowie Andreas Donner (Bass) eine eindrucksvolle Wiedergabe der sieben Kantaten. Buxtehude hat hier mystische Texte aus dem 13. Jahrhundert vertont und ihnen jeweils einen Bibelspruch vorangestellt. In jeder Kantate wird ein Körperteil Christi besungen und in liebevoller Betrachtung beklagt.

Buxtehude spart dabei nicht an musikalischer Ausmalung des metaphorischen Textes. Die fünf Sänger nehmen diesen Ansatz auf, singen schön die langgezogenen Töne und Dissonanzen auf dem Wort „Wunden“ aus, Andreas Donner flößt dem „Viva“ aus der sechsten Kantate fröhliches Leben ein, Sänger und Instrumentalisten geben wunderbar bewegt dem wiegenden Charakter vieler Teile Ausdruck. Die Stimmen passen gut zueinander, keine Stimme dominiert die anderen, es ist die hohe Kunst des Ensemble-Gesangs, die hier zu hören war. Bewundernswert meistert Katharina Roß ihre tief angelegten Passagen, Andreas Donner zeichnet sich durch seine flexible und schöne Stimme aus. Ein wenig disparat wirkten die beiden Sopran-Stimmen: Auf der einen Seite überzeugte Hladek-Bach mit ihrer hellen Stimme und dynamischer Variabilität, auf der anderen Seite stand ihr mit Birgit Trost ein sehr viel weicherer Sopran gegenüber. Doch insgesamt boten Sänger wie Instrumentalisten einen überaus homogenen Eindruck. Da saßen die Koloraturen hochgradig präzise, die Intonation war blitzblank sauber.

Wer nicht auf die Musik und den Text vertrauen wollte, bekam durch den den Zuhörern überreichten Katalog einen visuellen Eindruck: Der Darmstädter Maler Johannes P. Reuter hat die sieben Kantaten ins Bild gesetzt, indem er ganz konkret die besungenen Körperteile wiedergegeben und dazu eine abstrakte Assoziation gemalt hat. Im Original können die Bilder ab 30. März in der Galerie C.Klein in der Schumannstraße 11 besichtigt werden. In der Vernissage um 11.30 Uhr wird abermals ein Werk von Buxtehude erklingen.

(Darmstädter Echo, 25. März 2014, von Susanne Döring)

"Wie können wir neue Mitglieder werben? Wie machen wir die Arbeit unseres Chores in der Öffentlichkeit bekannt? Das sind Fragen die Chöre landauf und landab schon läbger bechäftigen ..."

Die Frage der Mitgliederwerbung und wie neue Konzertformate hier unterstützen können werden in der aktuellen Ausgabe des "Hessischen Chrospiegel" des Hessischen Sängerbunds diskutiert.

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Musikanfänger - Erstmals können Kinder in der Stadtkirche Blasinstrumente erlernen

Den Klang von Saxofon, Klarinette oder Horn ausprobieren, gemeinsam mit anderen Musikeinsteigern: Das will die neue Bläserklasse an der Singschule der Darmstädter Kantorei Kindern ab neun Jahren ermöglichen. Ab Februar geht’s los – und zwar gleich in der Gruppe.

DARMSTADT. Es kann schon mal quietschen am Anfang, es kann laut tröten kann krächzen oder nur leise wispern. Vielleicht kommt auch gar kein Ton raus – aller Anfang ist schwer für die Kinder, die sich als erstes Instrument an Klarinette, Trompete oder Horn versuchen. Aber das gibt sich schnell, weiß Ursula Tilsner. Vor allem, wenn man nicht allein probt, sondern gleich in der großen Gruppe. So bringt die Musikpädagogin seit 17 Jahren junge Blech- und Holzbläser auf den Weg, an der Gerhart-Hauptmann-Schule in Griesheim – das will sie jetzt auch mal außerhalb der Schule probieren: Kinder zwischen neun und 14 Jahren können sich im Gemeindehaus der Darmstädter Stadtkirche an verschiedenen Instrumenten versuchen. Die neue Bläserklasse an der Singschule der Darmstädter Kantorei beginnt ab Februar, die Anmeldefrist läuft.

Dass es in der Gruppe gleich viel besser funktioniert, weiß Tilsner aus eigener Erfahrung. Sie selbst ist gelernte Hornistin. „Drei Jahre lang Tonleitern üben im Einzelunterricht“, das war ihr Anfang, bevor sie im Ensemble spielen durfte. Das läuft heute anders. Alles passiert vom Start weg gemeinsam. „Die Kinder sollen gleich im Gruppenverband musizieren“, sagt Kantor Christian Roß, Leiter der Singschule, „sie sollen ein Instrument und nebenher auch noch Noten lesen lernen.“ Kollegin Tilsner hat die Erfahrung gemacht, „dass sich die Kinder in der Gruppe gerade am Anfang besonders gegenseitig motivieren“.

Erst mal im Spiel die Neugier wecken

Aber erst mal soll die Neugier geweckt werden. Acht Instrumente könne die Neulinge testen und überlegen, womit sie sich dauerhaft anfreunden könnten: Querflöte, Klarinette, Saxofon, Trompete, Wald- und Tenorhorn, Posaune und Tuba. Die können die Kinder auch mit nach Hause nehmen, als Dauerleihgabe. Der Förderverein der Griesheimer Schule und der Freundeskreis der Kantorei machen es möglich.

Mit Atemübungen und dem Versuch, wie man überhaupt einen Ton rausbekommt, geht es dann los. „Manche können schon nach drei Tagen was spielen, wenn sie begriffen haben, wie der Ton entsteht“, sagt Tilsner. Und nach drei Monaten kann die Gruppe vielleicht schon das erste gemeinsame Stück spielen. In ferner Zukunft sieht Kantor Roß schon ein Bläserensemble, das in der Kirche vor Publikum spielen könnte – vielleicht in einem der Kinder- und Jugendmusicals, die regelmäßig unter seiner Regie entstehen.

(Darmstädter Echo, 09. Januar 2014, von two)

 


 

Anmeldung und Information

 

Die neue Bläserklasse wird ab Februar jede Woche Montag ab 17 Uhr im Gemeindehaus an der Darmstädter Stadtkirche üben. Kinder zwischen neun und 14 Jahren sind angesprochen, Vorkenntnisse brauchen sie nicht. Die Leihgebühr für die Instrumente beträgt 20 Euro im Monat, der Jahresbeitrag zur Singschule 80 Euro. Anmeldung und weitere Auskünfte gibt es unter Telefon 06151 44834.

Konzert – Besucher der Stadtkirche wechseln mit Christian Roß und Orgelmusik ins neue Jahr

DARMSTADT Für sein Orgelkonzert zum Jahresabschluss hatte Stadtkirchenkantor Christian Roß das Motto „… ein Lied in allen Dingen …“ gewählt. Von Bach bis Reger reichte die Reihe der Choral-Bearbeitungen, die sich bis zum Finale hin stetig steigerten.

Dass die Orgel als „Königin der Musikinstrumente“ die singende Gemeinde vertreten und zudem die Kirchenlieder deuten und ausschmücken kann, war im Konzert am späten Silvesterabend in der gut besuchten Stadtkirche zu erleben. Christian Roß begann mit den drei Neujahrschorälen aus Johann Sebastian Bachs „Orgelbüchlein“, die er in recht freiem Tempo vortrug. Am eindrucksvollsten gelang die Choralbearbeitung „In dir ist Freude“ BWV 615, bei der Roß mit Recht das Bassmotiv betonte, das der freudigen Stimmung Ausdruck gibt: „Wir jubilieren und triumphieren“. Felix Mendelssohn Bartholdy, beginnt seine fünfte Orgelsonate mit einem Choral ohne Worte – die Melodie ist frei erfunden und hat dennoch sakralen Charakter. Christian Roß machte deutlich, dass dieses dreisätzige Werk liedhafte und spielerische Elemente wirkungsvoll zusammenführt.

Arnold Mendelssohn, ein entfernter Verwandter des großen Romantikers, wirkte seit 1890 in Darmstadt als Hessischer Kirchenmusikmeister und ist hier 1933 gestorben. Zwei knappe, im Tonfall recht herbe Choralpartiten belegten seine Tendenz, die romantische Musiksprache zu entschlacken. Durch reizvoll-farbige Registrierung gelang es Christian Roß, die bildhafte Auslegung der Choräle „Wir Christenleut“ und „Morgenglanz der Ewigkeit“ spannend zu vermitteln. Arnold Mendelssohns bedeutendster Schüler, der 1895 geborene Paul Hindemith, war mit der zweiten Orgelsonate aus dem Jahr 1937 vertreten, einem Werk, das – im Gegensatz zur dritten Sonate – ohne Liedanleihen auskommt. Der Organist betonte den durchsichtigen, geradezu kammermusikalischen Duktus der drei Sätze, wobei selbst die Schlussfuge bemerkenswert leicht und spielerisch gelang.

Großartiger Abgesang und starker Aufbruch

Aus anderem Holz ist Max Regers ausladende Fantasie über den Choral „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ geschnitzt. Auch wenn die Wiedergabe durch Christian Roß anfangs etwas stockend geriet, spürte man doch den Ausdruckswillen, mit dem der Komponist die einzelnen Liedstrophen ausdeutet, wobei hochromantische Harmonik und an Bach geschulte Kontrapunktik zusammentreffen. Gezielt arbeitete der Organist die Finalsteigerung heraus, bei der sich das Thema der Schlussfuge und die Choralmelodie hymnisch vereinen – ein großartiger Abgesang aufs alte Jahr und zugleich Aufbruch zu Neuem.

(Darmstädter Echo, 02.01.2014, von Klaus Trapp)


 

 

Stadtkirche – Ein staunenswertes Vokalquartett zu Gast in Darmstadt

Im dritten Konzert der „Cantate“-Reihe war am Sonntagabend in der Darmstädter Stadtkirche das Gesangsquartett „Ensemble de Morales“ zu Gast und gab einen faszinierenden Einblick in geistliche Musik des 15. und 16. Jahrhunderts.

DARMSTADT. Die Wurzeln der 2008 gegründeten Gesangsformation „Ensemble de Morales“ liegen in der musikalischen Ausbildung im Leipziger Thomanerchor: Vier Sänger machen es sich zur Aufgabe, vorrangig geistliche Musik der Renaissance bis zum Frühbarock möglichst gemäß einer historischen Aufführungspraxis zu singen. Namensgeber des Ensembles ist der spanische Komponist Cristobal de Morales (1500–1553), der außer seiner Kapellmeistertätigkeit in Andalusien auch über zehn Jahre als Tenorist im päpstlichen Chor in Rom angestellt war. In ihrem einstündigen Konzert in der Darmstädter Stadtkirche stellten die vier Sänger homophone Choralsätze von Johann Hermann Schein, einem der Vorläufer Bachs im Amt des Leipziger Thomaskantors, Motetten der flämischen Vokalpolyphonie (Ockeghem, Brumel) und einem Werk ihres Namenspatrons Morales gegenüber.

Das „Ensemble de Morales“ verleiht dieser Musik eine selten gehörte Unmittelbarkeit und füllt die höchst kunstvoll gestalteten Melodien mit blühendem Leben. Die Gesangsstimmen scheinen aus längst vergangenen Zeiten in die Gegenwart aufzusteigen und die Distanz von über 500 Jahren vergessen zu machen. Man staunt, wie die glockenreinen Töne Stefan Kahles (Discant) und Nikolaus Karlsons (Altus) mit Falsettfertigkeit und klarer Tongebung aus männlichen Kehlen in Szene gesetzt werden. Ideal harmonieren hierzu Mathias Monrad Møllers feiner Tenor und Friedrich Weißbachs Bass, den man sich in der Tiefe gelegentlich etwas profunder wünscht. Wie aus dem Äther gepflückt, kristallklar, völlig vibratolos schwebt Stefan Kahles Discant über Scheins Chorsätzen, denen das Quartett in den Strophenliedern durch eine farbig differenzierte Dynamikgestaltung großen Variantenreichtum abgewinnt. Stets ist das Quartett auf einen leichten, durchhörbaren Klang mit vorbildlicher Pianokultur bedacht: deutliche Artikulation und klare Konturen der sorgfältig abschattierten Stimmen kennzeichnen selbst leiseste Passagen.

Bei den imitatorisch dicht verästelten motettischen Werken aus der Zeit der franko-flämischen Vokalpolyphonie des 15. Jahrhunderts (Johannes Ockeghems „Salve regina“, „Ave Maria“ und „Alma Redemptoris Mater“ sowie Antoine Brumels „Magnificat“ als ausgedehntes, anspruchsvolles Schluss-Tableau des Konzerts) legen die Vokalisten die Strukturen der Musik messerscharf offen und geben ein Muster an schlüssiger Aufführungspraxis: individuell, ausdrucksintensiv und klangsensibel, ohne in gelehrsames Sektieren oder romantisches Pathos zu verfallen. Vor allem bei „Sancta Maria sucurre miseris“ von Cristobal de Morales faszinieren Stefan Kahles Höhensicherheit und seine Modellierungskunst sowie die ausgeglichenen, geradlinigen Legatobögen und die Beweglichkeit der vier in dichter Polyphonie ineinander verschlungenen Stimmen, die ihre musikalischen Schätze, aus Archiven und Musikbibliotheken geborgen, zum Leuchten bringen. Da hätte man nach den zugegebenen Bach-Chorälen, wie ein kleines Wunder an Schwerelosigkeit herbeigezaubert, noch stundenlang zuhören mögen.

(Darmstädter Echo, 24.12.2013, von Albrecht Schmidt)


 

 

Weihnachtsoratorium – Projekt „Singalong“ wird Gemeinschaftserlebnis im Staatstheater


Bachs Weihnachtsoratorium haben am Sonntagabend rund 350 Sänger im Staatstheater aufgeführt. Chordirektor Markus Baisch und Stadtkirchenkantor Christian Roß brachten Chöre, Orchester, Solisten und 163 Projektsänger gekonnt zusammen.

DARMSTADT. „E-he-he-he-hehre sei Gott in der Höhe.“ Puh, da geht schon mal die Puste aus bei so vielen Achteln für ein einziges „Eh“. Gleich wird’s noch enger mit der Luft. Über genau 24 Zweiunddreißigstel gilt es, das „fal“ von Wohlgefallen zu ziehen. Dagegen ist der anschließende Choral „Wir singen dir in deinem Heer“ geradezu lässig zu meistern.

Bachs Weihnachtsoratorium ist nichts für Ungeübte. Nicht umsonst hat das Staatstheater die Latte hoch gehängt: Die Teilnehmer des „Singalongs“ sollten das Stück „schon einmal gesungen und einen Klavierauszug besitzen“, hieß es in der Einladung. Bei den 163 Sängern, die am Samstag zur Generalprobe und am Sonntag zur Aufführung kamen, war dies der Fall.

Helga Hemming etwa hat das Stück schon viele Male mitgesungen. Zum ersten Mal vor 35 Jahren beim Kirchenchor Cäcilia in Dieburg. „Das Weihnachtsoratorium gehört für mich unbedingt zu Weihnachten“, sagt die Siebzigjährige. In einem festen Chor singt sie nicht, aber wenn sich die Gelegenheit ergibt, singt sie das feierliche Stück gern mit. So auch beim „Singalong“.

Die Bewegung, dass Laien und Professionelle gemeinsam große Chorwerke singen, stammt aus Groß-Britannien. Laut Theater-Sprecherin Judith Metz hat Simon Halsey, Leiter des Rundfunkchors Berlin, die Bewegung nach Deutschland gebracht. „In Darmstadt muss es sich erst noch etablieren“, sagt Chordirektor Markus Baisch. Viele der Teilnehmer haben bereits im Vorjahr mit Wolfgang Seeliger und dem Konzertchor in der Christuskirche Blut geleckt. Manche waren beim „Singalong“ in Frankfurt, wo das Weihnachtsoratorium schon zum zehnten Mal angeboten wird.

Während in Frankfurt und Eberstadt alle Teilnehmenden auf Kirchenbänken sitzen und alle alles – auch die Arien – mitsingen, geht es im Staatstheater differenzierter zu. So war es schon beim ersten „Singalong“ vor einem Jahr bei Händels „Messias“. Die rund 180 Chorsänger vom Musikverein Darmstadt, der Darmstädter Kantorei und der Bessunger Kantorei stehen hinter Solisten und Orchester auf der Bühne, während die 163 angemeldeten Projektsänger in den ersten acht Reihen im Publikum Platz nehmen. „Wir haben da mittendrin den besten Platz“, sagt Chordirektor Markus Baisch, „wir hören alle.“

So sortiert Baisch die vielen Sänger am Samstagmorgen bei der Generalprobe zuerst einmal nach Stimmen, die sich spiegelbildlich gegenüberstehen sollen. Nach dem Einsingen geht’s ran ans Werk. „Der Dreiachtel-Takt zieht sich durch“, sagt Baisch, „daher immer alles tänzerisch denken.“ Auch wenn hier mehr als 300 Stimmen singen, dürfe es nicht „gewaltig“ klingen, sondern „es muss grooven“.

Anders als bei der Aufführung am Sonntagabend lassen sich bei der Probe viele auf der Bühne bei der getragenen Sinfonia des Orchesters zu Beginn des zweiten Teils „Und es waren Hirten in derselben Gegend“ nieder wie müde Schafe. Da sind die Publikumssänger klar im Vorteil, dürfen sie sich doch immer wieder setzen und genussvoll den Solisten lauschen.

Und das ist vom Feinsten: Souverän und erhaben interpretiert die Altistin Anja Bildstein ihre Arien. Geradezu enthusiastisch singt der schlanke Bass David Pichlmaier etwa die Partie „Großer Herr, o starker König“. Tadellos beherrscht auch der Tenor Minseok Kim sowie die zierliche Sopranistin Aki Hashimoto ihre Partien.

In der Mitte der Aufführung der Teile I bis III übergibt Baisch an Christian Roß, der bisweilen einen Tick ruhiger dirigiert. Aus den Reihen seiner Kantorei treten ganze Familien an. Die zwölfjährigen Zwillinge Jakob und Jonathan Laux etwa wollen „endlich mal was Richtiges“ singen und nehmen mit Eltern und Schwester teil. Auch für Sopranistin Katja Erlhof von der Darmstädter Kantorei ist es etwas „Besonderes, mit so vielen Menschen zu singen“. Von den Sängern im Publikum ist sie angetan: „Ich habe nicht das Gefühl, dass da etwas hinterherschleppt, es klingt richtig unisono.“

(Darmstädter Echo, 16.12.2013, von Rebecca Keller)


 

 

Cantate-Reihe – Texte von Dichter Matthias Claudius – Lieder der Klassik und Romantik

DARMSTADT Wie im Fluge verging die literarisch-musikalische Stunde, in der Horst Schäfer (Rezitation), Stefan Hladek (Gitarre) und Susanne Hladek-Bach (Sopran) Texte von Matthias Claudius und Musik von Komponisten aus dem Umfeld des Dichters verbanden.

Etwa siebzig Besucher waren am Samstagabend in die Darmstädter Stadtkirche zum Konzert gekommen, das die für die Adventszeit zusammengestellte „Cantate“-Reihe eröffnete. Unter dem Titel „Der Mond ist aufgegangen oder „Ein sonderlicher Kasus: Matthias Claudius“ waren in einer schlüssigen Programmkonzeption Gedichte, Briefe und Prosastücke des Dichters mit Gitarrenmusik und Liedern der Klassik und Romantik zu einer Einheit verschmolzen.

Vom Heiteren zum Nachdenklichen

Der Schauspieler Horst Schäfer fand für die Textausschnitte des norddeutschen Dichters, der auf Empfehlung Herders auch für eine kurze Zeit (1776/77) in Darmstadt als Beamter tätig war, den jeweils rechten Ton: Sachlichkeit bei den Briefen, lapidare Nonchalance bei aphoristischen Skurrilitäten mit treffsicheren Nadelstichen bei Zitaten und Gedichten aus dem von Claudius betreuten „Wandsbecker Boten“.

Schäfer trifft, wo nötig, den ironischen oder schelmischen Unterton und wechselt souverän von Heiterem zu Nachdenklichem, von Kuriosem zu Satirisch-Kritischem. Packend auch, wie er Claudius’ bittere Anklage gegen Gewalt, Verheerung und Schrecken („s’ ist Krieg!“) mit gehetzter Stimme und stockendem Stakkato unterlegt.

Gitarrenstücke sind eng mit den Texten verzahnt

Die Gitarrenstücke Stefan Hladeks, der an der Darmstädter Akademie für Tonkunst studiert hat, sind eng mit den Texten verzahnt. Sonatinenartig, kontrastreich im Sinn des klassischen dualistischen Prinzips, sind bei Anton Diabelli forsche, signalartige Töne weicheren, zarten Passagen gegenübergestellt. Klangzauberisch klingt eine Etüde von Fernando Sor, wenn Hladek die Melodie aus sanft rieselnden, permanent fließenden Begleit-Arabesken herausschält.

Für ihre Liedbeiträge hat Susanne Hladek-Bach Franz Schubert gewählt. Aufschlussreich ist es, das berühmte Abendlied („Der Mond ist aufgegangen“) einmal nicht mit der bekannten Melodie von Johann Abraham Peter Schulz, sondern in einer Schubert-Vertonung zu hören. Susanne Hladek-Bach singt drei Strophen mit Anmut, natürlich und schlicht.

Danach sorgt Horst Schäfer mit der Lesung der restlichen vier Strophen für Vollständigkeit. Einen eindringlichen Tonfall findet die Sopranistin für Schuberts „Der Tod und das Mädchen“. Hier bleibt insbesondere auch Stefan Hladeks Gitarrenbegleitung mit der versöhnlichen Dur-Wendung als stillem Ausklang nachhaltig in Erinnerung.

(Darmstädter Echo, 02.12.2013 | Albrecht Schmidt)

Stadtkirche – Bewegende Momente bei Bachs h-moll-Messe

DARMSTADT. Die Darmstädter Kantorei und das Barockorchester L’Arpa Festante bringen unter Leitung von Christian Roß die komplexe musikalische Architektur der h-Moll Messe zum Klingen. Beim Konzert in der Stadtkirche gelingen starke Klangmomente, die die Kontraste und Farben dieses musikalischen Glaubensbekenntnisses herausstellen.

Es beginnt mit dem erschütternden Aufschrei in der dreifachen Anrufung des „Kyrie eleison“. Das geht schon ins Mark und für manchen ist Bachs h-Moll-Messe das allerheiligste Werk der Musikgeschichte. Zumindest ist es ein gewaltiges musikalisches Glaubensbekenntnis, das höchste Ansprüche an die Interpreten stellt. Eine Aufgabe, mit der Christian Roß, Kantor der Stadtkirche Darmstadt, und die Sänger der Kantorei an diesem Sonntag überzeugen. Zudem bringen die historischen Instrumente die Transparenz der polyphonen Verwebungen und die spannungsreichen harmonischen Modulationen zum Ausdruck.

Roß‘ klare und konzentrierte Gestik inspiriert die Chorsänger zu Konzentration und Emphase. Sicher werden sie durch die harmonischen Kühnheiten geführt.

Wieviel Schönheit gelingt in dem Werk: das Kyrie mit seiner Kette aus Seufzermotiven, das Credo mit dem Geheimnis der Inkarnation und seinen gebrochenen Moll-Dreiklängen. Das Resurrexit bricht mit erregender Wildheit auf. Der Chor beherrscht beides: schlanke Stimmführung und geballte Ausdruckskraft in den Jubelchören. Wunderbar gelingen Roß am Ende der Sätze die Schlusswirkungen, die er zurückzuführt in den intimen Gestus.

Bei der Leistung der Instrumentalisten ist zu differenzieren: Besonders die Bläsergruppen – welch traumhaftes Flötensolo, welch berückender Oboenklang! – meistern ihre solistischen Passagen überzeugend. Der Sologeiger gibt mit einem verstolperten Einsatz und überhetztem Tempo der Altistin Carola Göbel leider keine Gelegenheit, ihre Passagen auszusingen. Die ekstatische Freudigkeit des „Laudamus te“ kann so nicht hervorbrechen. Klar, dass so auch die Koloraturen verwischen. Göbel erscheint etwas indisponiert, findet erst in der Schlussarie „Agnus Dei“ wieder Ton und Kraft.

Der Bariton Peter Anton Ling überzeugt im „Tu solus sanctus“ durch Sicherheit und dramatische Strahlkraft. Mit klarster Diktion und hellem Strahlen tönt die Begrüßung im „Benedictus“ des Tenors Achim Kleinlein, der zusammen mit der mit so viel Höhenglanz begabten Sopranistin Cornelia Winters im „Domine Deus“ ein vollkommenes Beispiel vokaler Abstimmung schafft.

Ahnung von einer überweltlichen Ordnung

Woran erinnert sich der Hörer? Immer wieder wird die Form der Fuge mit ihrem fixen Kontrapunktischen Regelwerk der Stimmführung Ausdrucksträger unverrückbarer absoluter Gesetzmäßigkeit. Dictum est. So und nicht anders. Dem Zuhörer vermittelt sich das wie eine überweltlich gültige Ordnung. Auch wenn Bach im Widmungsschreiben ganz sachlich sein Werk resümiert als Beispiel der „Wißenschaft welche ich in der Musique erlanget“, gilt diese Messe zu Recht als das musikalische Vermächtnis des Thomaskantors.

Die Zuhörer sind ergriffen von der unmittelbaren emotionalen Wirkung dieser Musik voll Perfektion und Intellekt. Und wer das Christentum verlernt hat? Nun – so manchem erschließt sich die Bedeutung dieser Worte neu, leichter als in einer Predigt.

(Darmstädter Echo, 26.11.2013 | Dorothee Buchmann-Ehrle)

Stadtkirche – Beifall für die Darmstädter Kantorei und die Philharmonie Merck

DARMSTADT. Ein außergewöhnliches Konzert gaben die Darmstädter Kantorei und die Philharmonie Merck am Sonntag in der Darmstädter Stadtkirche: Faurés Requiem und Brittens „Spring Symphony“ waren eine Hommage der Musiker an Margaret Prinzessin von Hessen, die vor einhundert Jahren geboren wurde.

Zweifachem Gedenken sollte das Konzert am Sonntag in der Stadtkirche dienen: Die große Kulturförderin Margaret Prinzessin von Hessen und der mit ihr befreundete Komponist Benjamin Britten hätten beide in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert. Durch den Tod von Moritz Prinz von Hessen in der vorigen Woche, der zugestimmt hatte, Schirmherr dieses Konzerts zu werden, wurde der Abend auch zur Erinnerung an ihn.

Eine Sinfonie ist dieses Stück eigentlich nicht, ein Oratorium auch nicht. Dazu darf in Brittens „Spring Symphony“ auch noch fröhlich gepfiffen werden, was in der Stadtkirche wohl nicht so oft geschieht. Die „Spring Symphony“ ist ein rätselhaftes Werk, das der Musikwissenschaftler Norbert Abels in seiner Einführung zum Konzert als „Anthologie“ bezeichnete. In der Tat versammelt Britten ganz unterschiedliche Texte britischer Dichter zum Frühling, die von reiner Zustandsbeschreibung der Natur bis hin zur Heilserwartung reichen. Das klingt am Anfang, als der Winter noch nicht fern ist, sehr frostig. Es wird lustig, wenn der Kinderchor nach Seemannsart pfeift und Chor und Solisten lautmalerisch die Singarten verschiedener Vögel nachbilden, und dann lyrisch und beschwörend in der Weltbetrachtung des Textes „Out on the lawn I lie in bed“ von W. H. Auden.

Der Komponist verlangt Orchester, Solisten, Chor und Kinderchor viel ab. Sie müssen sich jeweils zwischen übereinandergelagerten Harmonien und Rhythmen, unbegleitet gesungenen Stellen, ausdifferenzierter Dynamik und einem komplexen Klangaufbau behaupten. Stadtkirchenkantor Christian Roß lenkte den ungefähr hundert Sänger zählenden Chor der Darmstädter Kantorei und das riesige Orchester der Philharmonie Merck sicher durch das Werk.

Dabei profitierte der Chor von den homogen und strahlend agierenden Sopranen. Großartig erklangen die einzelnen Gruppen der Philharmonie Merck, allen voran die ausdifferenzierten Bläser, aber auch das Schlagwerk oder zum Beispiel die flirrenden Streicher in „Waters above“. Leider ging der hervorragend einstudierte Kinderchor aufgrund seiner Platzierung auf der linken Seite der engen Empore im Klanggetümmel ein wenig unter. Ausgezeichnet passten auch die ausgewählten Solisten zu diesem Stück: Daniel Sans (Tenor) verlieh seinen Passagen mit metallisch glänzendem Klang einen ungemein lebendigen Ausdruck, während die Mezzosopranistin Nina Amon durch die Leichtigkeit beeindruckte, mit der sie die Töne von großer Tiefe in die Höhe katapultierte.

Susanne Martin dagegen konnte ihren hellen Sopran vor allem in Faurés einleitend gespieltem Requiem zur Geltung bringen. Als solistischer Gegenpart kam hier mit Stefan Grunwald ein sich homogen in das Geschehen einpassender Bariton zum Einsatz. In Faurés Requiem, das auch zur Beerdigung von Margaret 1997 von der Darmstädter Kantorei gesungen worden war, überzeugten Chor und Orchester durch transparenten Klang. Einzig die elektronische Orgel, gespielt von Jorin Sandau, wirkte ein wenig fremd.

Das Publikum feierte dieses außergewöhnliche Konzert mit andauerndem Beifall.

(Darmstädter Echo, 28.05.2013 | Susanne Döring)

Bei einem grandiosen Konzert am Samstag in der Erlöserkirche ersetzten die Zuhörer besonders lautstark mit ihrem begeisterten Applaus all jene, die der Konkurrenz Fußball huldigten.