Konzert: So eindringlich wie poetisch: Der Kammerchor der Darmstädter Kantorei singt

„Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“ Mit diesem Ruf der Verzweiflung beginnen die „Duineser Elegien“ von Rainer Maria Rilke. Der Dichter, der die erste Elegie 1912 niederschrieb, verstand diese als religiöse Verkündigung. In einer Vertonung des finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara erklang die erste Elegie am Sonntag beim Konzert des Kammerchores der Darmstädter Kantorei in der Darmstädter Stadtkirche. Mit flexibler Tongebung und fein nuancierter Dynamik intonierte der von Christian Roß geleitete Chor die dramatisch aufsteigenden Gesangslinien. Die  eindringliche Interpretation ließ sowohl die poetische Klangschönheit der Musik als auch ihre verstörende Expressivität plastisch werden.

Unter dem Titel „Passion! – Musik von Leid und Leidenschaft“ stellte das Programm existenzielle Fragen zum Verhältnis des Menschen zu Gott und der Schöpfung in den Mittelpunkt. Während bei Rilke die menschliche und die göttliche Sphäre durch eine tiefe Kluft getrennt sind, dominiert in den aus dem „Israelsbrünnlein“ stammenden Chorsätzen des Barockkomponisten Johann Hermann Schein tiefes Gottvertrauen und unerschütterliche Zuversicht. Mit ausnehmend klarer Diktion und organischer Phrasierung brachte der Chor die kunstvoll verwobene Mehrstimmigkeit zum Leuchten.

Die Kombination aus geschmeidig schlanker Stimmführung und geballter Ausdruckskraft bewährte sich auch in Bachs Motette „Jesu, meine Freude“ BWV 227. Die technischen Schwierigkeiten des heiklen Chorwerkes souverän meisternd, bewährten sich die angenehm weichen Sopranstimmen und hellen Tenöre in der hohen Lage bestens und warteten Alt und Bass mit klangschön abgerundeter Tiefe auf.

Große vokale Strahlkraft entfaltete der Chor auch in den zwei Madrigalen „Amor, io sento l ’alma“und „Io Piango“ des zeitgenössischen Komponisten Mortem Lauridsen, die auf italienischen Renaissance-Gedichten beruhten. Einen kraftvollen Schlusspunkt setzten die Sänger mit Johannes Brahms’ Fest- und
Gedenksprüchen op. 109. Mit sattem Volumen und schwellenden Crescendi kosteten die Sänger die emphatische Musik eindringlich aus. Die Zuhörer bedachten die Aufführung mit anhaltendem Applaus.

(Silvia Adler, Darmstädter Echo, 15. März 2011)

Weihnachtsoratorium: Darmstädter Kantorei mit einer ausgefeilten Bach-Deutung

DARMSTADT.

Ein atmosphärisch besonders dichtes Konzertereignis bot die Darmstädter Stadtkirche an Heiligabend mit drei Kantaten aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium. „Jauchzet, frohlocket“ - dieser markante Kantaten-Beginn hielt in der Interpretation der Philharmonie Merck und der Darmstädter Kantorei, geleitet von Christian Roß, schon die erste Überraschung bereit: Die fünf einleitenden Paukenschläge, oft mit knalliger Aufdringlichkeit abgefeuert, erklangen von der Orgelempore - mit abnehmender Lautstärke ausbalanciert - als ein differenzierter Mikrokosmos, aus dem sich die Antwort der Flöten, Oboen und eines ungemein federnd-schlanken, von klar intonierenden Trompeten überstrahlten Tuttiklangs entwickelte.

Die etwa dreißig Instrumentalisten passten sich der exzellent vorbereiteten Darmstädter Kantorei und den anspruchsvollen Vorgaben des Dirigenten Christian Roß bereitwillig an: Der Eingangschor erklang ohne opernhaft-deftige Dramatik, weniger massiv und rauschend als üblich; kein erhebender Aufruf zum Jubeln, eher eine bittende Mahnung, sich zu freuen - innig und warm und vor allem nicht zu schnell. In der Klarheit des polyphonen, lebendig geführten Chorsatzes ergaben sich klangliche und dynamische Details von größter Eindringlichkeit. Die Choräle zeichneten sich durch expressive Schlichtheit aus: Kein Sitzenbleiben auf Fermaten, sondern ein natürlicher Fluss der Textpassagen.

Christian Roß hatte für dieses weihnachtliche Konzert drei der sechs Weihnachtsoratoriums-Kantaten ausgewählt: Gerahmt von den Kantaten I (Am ersten Weihnachtsfeiertag) und VI (Am Feste der Erscheinung Christi), die mit Pauken und Trompeten festlich instrumentiert sind, bildet die Kantate IV (Am Neujahrstag) den stilleren Kontrast. Sonore Hörner begleiten den Eingangschor „Fallt mit Danken, fallt mit Loben“, der wiederum die Qualitäten der Stadtkirchen-Kantorei aufzeigte: Heller, leuchtender Chorklang, klar geführte Binnenstimmen, plastische und koloraturwendige Gestaltung. Im Eröffnungschor der sechsten Kantate bewährte sich erneut Christian Roß' Konzept eines reservierten, auf Klangkultur bedachten Zugriffs. Der Kantor hielt seine Choristen von einer allzu überstürzten und aufdringlichen Auslegung zurück und erreichte eine geschmeidige, transparente Durchdringung.

Auch die Wahl der Gesangssolisten bewies eine glückliche Hand, sogar mit dem Ersatz für die kurzfristig ausgefallene Sopranistin Andréana Kraschewski: Ihre Aufgaben teilten sich mit viel Gespür für sinngebende Nuancen Birgit Trost und Susanne Hladek-Bach. Die Altistin Brigitte Wolter gestaltete ihre Arie „Bereite dich, Zion“ ausdrucksstark, gleichsam in geheimnisvoller Erwartung. Der Bassist Stefan Grunwald ordnete sich der auf Innerlichkeit bedachten Gesamtanlage des Abends unter und verzichtete bei „Großer Herr und starker König“ auf jegliche voluminöse Protzerei. Herausragend aus dem Solisten-Ensemble war der Tenor Daniel Sans, der mit klarer Artikulation und Höhensicherheit dem Idealbild eines Oratoriums-Evangelisten entsprach und zudem die gefürchtete Bravour-Arie „Ich will nur dir zu Ehren leben“ mit einer Lockerheit bewältigte, als handle es sich nicht um schwerste Kost, sondern um ein luftiges Sorbet.

Die Besucher in der Darmstädter Stadtkirche vernahmen die nächtliche Weihnachtsbotschaft mit großer Freude und bedankten sich mit lang anhaltendem Beifall.

(Albrecht Schmidt, Darmstädter Echo, 27. Dezember 2010)

Stadtkirche: Am Totensonntag gestaltet die Darmstädter Kantorei ein stimmiges Programm

DARMSTADT. Das Programm, das Christian Roß am Totensonntag mit der Darmstädter Kantorei in der Stadtkirche aufführte, war stimmig. Beginnend mit den ausgeprägt wortgebundenen Musikalischen Exequien von Heinrich Schütz folgte ein Riesensprung zum 1963 komponierten, auf meditative Klangwirkung ausgelegten Requiem von Alfred Desenclos (1912-1971). Danach ging es kleiner weiter mit den sechs Miniaturen »...und selbst wenn...« für Soli, Chor und Orgel, die Roß selbst komponiert hat.In allen drei Werken verliert der Tod an Schrecken. Bei Schütz können die Verbundenheit mit Gott und die Auferstehung trösten; Desenclos spart die Schreckensvision des jüngsten Tages, das »Dies irae«, in seinem Text aus, obwohl dieser der lateinischen Messe folgt, und auch Roß hat Gedichte und Bibelzitate ausgewählt, in denen aus der Trostlosigkeit ein Lichtblick hervorscheint.Bedeutete die Zusammenstellung dieser Werke an sich schon eine anspruchsvolle Herausforderung, so wurde diese durch die Experimentierfreude von Roß noch gesteigert. Er ließ die Musikalischen Exequien von zwei verteilten Chören musizieren. Die Aufstellung im Altarraum und unter der Orgelempore mit Roß als Dirigenten im Mittelgang konnte jedoch nur teilweise überzeugen. Insgesamt zeichnete sich die Interpretation durch einen schönen, weichen Klang des Chores und schwingende Leichtigkeit aus.Diesen Schwung behielten die Aufführenden auch in Desenclos' Requiem bei, das seine Inspiration durch die Gregorianik trotz zum Teil voluminöser Klangmassen immer wieder hören lässt. Hier leistete der Kantor der Darmstädter Ludwigskirche, Andreas Boltz, herausragende Arbeit an der Orgel, der man für dieses Werk freilich einen etwas tiefgründigeren Klang gewünscht hätte. Mit der durchmischten Aufstellung des großen Chores wagte Roß in diesem Stück ein weiteres und gelungenes Experiment.In der Uraufführung von Roß' Miniaturen nach Gedichten unter anderem von Ingeborg Bachmann und Paul Celan sowie Ausschnitten aus der Offenbarung des Johannes zeigten Chor und Solisten abermals ihr Vermögen, die Spannungen Schwere und Leichtigkeit in den Texten zusammenzubringen. Roß verwendet hier eine Zwölftonreihe, die er harmonisch ausdeutet. In den ersten Teilen noch wortgebunden, führt er seine Stimmen zu Vokallinien und gesummten Passagen. Dabei hebt der Komponist sinnvoll wichtige Aussagen durch Verstummen der Orgel oder einstimmig gesungene Verse hervor. Neben Chor, Orgel und Instrumentalisten spielten die Solisten des Abends fast eine untergeordnete Rolle, die Dörte und Heidrun Blase (Sopran), Katharina Roß (Alt), Andreas Wagner (Tenor) und Ulrich Burdack (Bass) aber klanglich schön und gut aufeinander abgestimmt ausfüllten.

(Susanne Döring, Darmstädter Echo, 23. November 2010)

Der «Musikalische Herbst» der Darmstädter Philharmonie Merck zu Gast in Frankfurt: Im Sendesaal des HR erklang auf hohem Niveau Gustav Mahlers 3. Sinfonie.

Es sind wahrhaft kosmische Größenordnungen, mit denen Mahler Interpreten wie Zuhörer gleichermaßen konfrontiert. Von der quasi unbelebten Natur durchschreitet die geistig-musikalische Reflexion die Welt der Pflanzen, der Tiere und des Menschen, ehe sie Ausblick nimmt auf die transzendente Sphäre der Engel und der göttlichen Liebe. In wohlgeordneten, überschaubaren «klassischen» Formen spielt sich nichts mehr ab in diesem gewaltigen Schöpfungsschauspiel. Allenfalls als Reminiszenz.

Der collagenartig angelegte Kopfsatz mit seinen unterschiedlichen Marschformen, die einander regelrecht ins Wort zu fallen scheinen, vermag noch heute zu irritieren. Höchste Konzentration erfordert das abschließende «Was mir die Liebe erzählt». Unter Wolfgang Heinzels souveräner Leitung musizierte die Philharmonie hingebungsvoll und technisch bis auf wenige Patzer in Holz und Blech sauber. Den Spannungsbogen, besonders in den ausgedehnten Ecksätzen, zu halten, gelang tadellos. Erfreulich die ausdrucksstarken Farbdetails.

Gut disponiert zeigten sich die Frauenstimmen der Frankfurter und der Darmstädter Kantorei sowie der lebendig singende Kinderchor Frankfurt im «Es sungen drei Engel einen süßen Gesang» aus dem «Wunderhorn». In guten Händen lag das Altsolo «O Mensch! Gib acht!»: Gerhild Romberger bot den Nietzsche-Text in dunkler Schattierung, berührend schlicht und ohne opernhaften Duktus.

(bol, Frankfurter Neue Presse, 15. September 2010)

Musikalischer Herbst: Wolfgang Heinzel führt die Philharmonie Merck zum Kern von Gustav Mahlers Dritter

DARMSTADT. Massenweise Mitspieler: Mit Mahlers Dritter eröffnete die Philharmonie Merck den musikalischen Herbst.

Die ganze Welt in 100 Minuten? Mahler macht's möglich - in seiner am Sonntag zum Auftakt des »musikalischen Herbsts« der Philharmonie Merck im Darmstädter Staatstheater aufgeführten dritten Sinfonie. Der vor 150 Jahren geborene Komponist hat die Schöpfung, wie er sie sah - gefährdet, gefährlich, edel, trivial - und ihr Ziel, die Ewigkeit, als übergroßes Klangpanorama festgehalten. Es ist spannend, im vollbesetzten Großen Haus zu verfolgen, wie Dirigent Wolfgang Heinzel dieser tönenden Trunkenheit beikommt: nüchtern und mit Übersicht.

Das ist nur scheinbar ein Widerspruch zur Haltung Mahlers, der die Sinfonie als durchgeplantes Naturereignis konzipiert hat. Heinzel hat ganz offenkundig erkannt, dass dessen Wirkung nicht von der großen Geste abhängt, sondern von der Organisation der Emotion, die in nahezu allen denkbaren Facetten aus der Partitur quillt: als Ingrimm, Tanzvergnügen oder schließlich als Seligkeit.Ein guter Dirigent wie er choreografiert dieses Schauspiel des Seins und sorgt damit für Sinnenfreude: Wenn die Teile ineinandergreifen, ist es ein Genuss zu verfolgen, wie etwa ein Motiv durch das mehr als 100 Spieler starke Orchester wandert - hier von Blechbläsern gezaust, dort von Flöten gestreichelt wird.Dass sich diese Musik, deren Schöpfer bewusst den Weg vom Erhabenen zum Lächerlichen und zurück gewählt hat, an diesem Abend nie lustig oder gar unmöglich macht, ist das Verdienst ihrer Interpreten. Geigenständchen (von Konzertmeister Matthias Metzger) und sogar die berüchtigte Posthorn-Episode (Markus Bebek) werden von den Solisten der Philharmonie Merck ohne Übertreibungen und Sentimentalität serviert; das ganze Orchester, das erst gegen Ende größere Abnutzungserscheinungen bei Ansätzen und Stimmung zeigt, findet unter Heinzels Leitung zum Wesentlichen: in Mahlers Massenbetrieb die Musizierhaltung eines Kammerensembles zu bewahren.Das Posthorn-Solo wird daher in Streicher-Seide gepackt. Im extremen Leisespielen findet die Philharmonie Merck ihre Erfüllung, und für ein beeindruckendes Finale braucht es dann auch nicht alle erdenkliche Lautstärke. Zu diesem Festakt der Klarheit passen die Gesänge des Kinderchors Frankfurt und der Kantoreien aus Darmstadt und Frankfurt in ihren von Tonschönheit getragenen Kurzbeiträgen.Nachdem der erste Ton gefunden ist, besticht Altistin Petra Lang mit Volumen und Farbe; nur die überbetonten Konsonanten lenken von der Leistung ab.Alle zusammen arbeiten mit Erfolg daran, Mahlers Motto zu seiner Dritten mit Leben zu füllen: »mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufzubauen«. Als die Marschtrompeten des Beginns im Finale als Engelsmusiker wiederkehren, ist längst klar: An diesem über weite Strecken himmlischen Auftakt wird sich der vom Pharmakonzern Merck finanzierte »musikalische Herbst« messen lassen müssen, der im Gastspiel des Leipziger Gewandhausorchesters am 15. Oktober seinen Höhepunkt finden soll.

(Christian Knatz, Darmstädter Echo, 07. September 2010)

Foto: Günther Jockel

Dem Untergang entgegen

Pfingstmusiktage: Apokalyptische und versöhnliche Klänge der Darmstädter Kantorei

DARMSTADT. ,,Ein neues Lied - Alte und Neue Musik im Dialog" war am Mittwoch der Beitrag der Darmstädter Kantorei zu den Pfingstmusiktagen in der Stadtkirche überschrieben. Der Titel verführt dazu, die Musik mit ein wenig Fantasie zu personalisieren. Die gute alte Motette ,,Singet dem Herrn ein Neues Lied" von Bach liefert sich einen regen Schlagabtausch mit der ,,Ersten Elegie" für achtstimmigen Chor des finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara. Unverhohlen einer Meinung hingegen sind die Werke der Klangtüftler Michael Radulescu und Pier Damiano Peretti, die mit Gesang, Orgel und Schlagwerk dem bevorstehenden Untergang der Welt entgegenblickt. Einzig die ,,Biblischen Lieder" op.99 von Dvořák summen alleine vor sich hin und ziehen sich in die Innerlichkeit zurück.

Bei der finalen Frage, welcher Musik man am ehesten zustimmen würde, kann der Zuhörer nicht guten Gewissens antworten, ohne ambivalenten Gefühle zu verspüren. Bei Bach ist man auf jeden Fall auf der sicheren Seite. Die Motette BWV 225 für Doppelchor ist selbst gemessen an den hohen Ansprüchen des Leipziger Thomaskantors über jeden Zweifel erhaben und vereint mit einer beispiellosen Leichtigkeit kompositorische Raffinesse mit innerer Leichtigkeit. Der Kammerchor der Darmstädter Kantorei unter der Leitung von Christian Roß liefert eine würdige und anspruchsvolle Interpretation dieser kleinen, aber kunstvollen Chorkomposition.

So sehr Bach wie gewohnt trumpfen kann, sollte die ebenfalls unbegleitete Elegie von Rautavaara nicht unterschätzt werden. Der finnische Komponist, der Zeit seines Lebens radikale Stilwechsel in seiner musikalischen Ausrichtung vorgenommen hat, findet in seinem Alterswerk eine innere Ruhe und Stimmigkeit, die verblüfft. Er bildet aus vier Dreiklängen eine Zwölftonskala, die dem Werk zu Grunde gelegt wird. Er vereint verschiedene Kompositionsprinzipien zu einer versöhnlichen Synthese und schafft mit der ,,Ersten Elegie" ein Meisterwerk der Chorliteratur. Das Werk ist im ersten Moment anmutig und zart, um kurze Zeit später eine enorme Spannung aufzubauen. Die kryptischen Texte Rilkes bieten eine Vielzahl an Bedeutungsebenen, die von der Musik kongenial aufgefangen werden. Die Gesänge sind voller Schönheit und Schmerz zugleich, ohne einem der beiden Extreme den Vorzug geben zu wollen.

Auf düstere Pfade begeben sich Pier Damiano Peretti und sein Ziehvater Michael Radulescu mit ihren brachialen Werken für Bariton, Orgel und Schlagwerk. Während bei Radulescus apokalyptischer Schöpfung ,,Epiphaniai" noch ansatzweise Strukturen erkennbar sind, sucht man bei Perettis ,,peje IS je (und er sagte)" vergeblich einige wenige rhythmische Versatzstücke, die eine Perspektive geben könnten. Die einem apokryphen Thomas-Evangelium entnommenen Textphrasen sind ihrem Kontext entrissen und frei von Sinnhaftigkeit. Einige darin enthaltene Schlüsselworte werden gleich einem neuronalen Impuls in der Musik reflektiert, was zwar für Unberechenbarkeit, aber wenig Spannung spricht. Auch wenn der Komponist der Uraufführung seines Werkes persönlich beiwohnt und durch sein Orgelspiel bereichert, wird die Musik vom Publikum nur sehr verhalten aufgenommen.

(Darmstädter Echo, 04. Juni 2010, Christian Chur)

Mit Benjamin Britten in einem Boot

Kinderoper: Rund 130 Mitwirkende begeistern in der Darmstädter Stadtkirche

DARMSTADT. Glockentöne kündigen die ersten Regentropfen an. Schon schwillt die Musik an, schon schwanken die aufgescheuchten Tiere von einer Seite der Arche zur anderen. Künstliche Wellen erscheinen hinter dem Schiffsbug, der im Chorraum der Darmstädter Stadtkirche den Platz des Altars eingenommen hat. ,,O Heiland, Dein allmächtig Wort bezähmte Wind und Well'n sofort" stimmt das Publikum in die Wehklage der Schiffsbesatzung mit Anklängen an die Sturmstillung Jesu mit ein. So werden Altes und Neues Testament im Opernstoff verbunden, genauso wie Vergangenheit und Gegenwart in der Inszenierung von Bettina Geyer. So sitzen auch in der Musik vereint Akteure und Zuschauer im selben Boot bei der Darmstädter Premiere von Benjamin Brittens Kinder- und Kirchenoper ,,Noah und die Flut". Zuvor hatte der Kantor Christian Roß, der als Bühnendirigent agierte, mit den 450 Gästen Choräle zum Mitsingen einstudiert. Bravorufe zollten der Aufführung im Rahmen der Darmstädter Pfingstmusiktage am Ende Tribut. Ein mitreißendes Spektakel hatten die rund 130 Mitwirkenden zuvor gezeigt - im Wissen, dass es, passend zum biblischen Inhalt, ein Wagnis war, das Staatstheater, Stadtkirche und Akademie für Tonkunst mit ihrem erstmaligen Gemeinschaftsprojekt eingegangen sind. Eindrucksvoll hatte die Stimme Gottes (Malte Godglück) von der Orgel-Empore herab verkündet: ,,Die ganze Welt soll geh'n entzwei, nur Du, Dein Weib, der Kinder drei" samt Ehefrauen sollen gerettet werden, weil sie ihm stets treu gedient hatten. 200 Ellen lang, 50 Ellen breit und noch mal 50 Ellen hoch soll sie sein, die Arche, die Gott bei Noah (Andreas Daum) in Auftrag gibt. Begleitet von Paukenschlägen bekundet dieser seinen Gehorsam und macht sich gleich mit seinen Söhnen und dessen Frauen, sechs stimmsichere Jungsolisten, an die Arbeit. Nur Noahs Frau nimmt die Sache nicht ernst, wehrt sich mit Händen und Füßen und will lieber mit ihren Tratschen weiter Cocktails schlürfen. Mitten im Publikum, im Mittelgang, flankiert von ihren Freundinnen, gibt Niina Keitel temperamentvoll die widerspenstige Ehefrau, die von ihren Söhnen in einer dramatischen Hauruck-Aktion doch noch in letzter Sekunde an Bord gezogen wird. Zuvor waren Tierpaare mit einem glockenklaren ,,Kyrie eleison" auf den Lippen auf das durch einen Bug aus Holz auf der Kirchenbühne angedeutete Schiff gezogen. Knapp 70 Kinder aus der Mädchen- und Jungenkantorei der von Christian Roß geleiteten Darmstädter Singschule wirkten hier gemeinsam mit dem Kinderchor des Staatstheaters Darmstadt mit, auf ihren Köpfen die von Corina Krisztian-Klenk und Ricarda Marose kunst- und liebevoll angefertigten Tiermasken.

Unter Leitung von Bartholomew Berzonsky spielten auf der Empore Mitglieder des Staatsorchesters Darmstadt gemeinsam mit Mitgliedern des Musikschulorchesters und Blockflötenensembles der Akademie für Tonkunst. So wie die Stimme Gottes das Geschehen in Reimen von Anfang bis Ende leitete, so schien eine unsichtbare Kraft die Fäden bei der Aufführung in der Hand zu halten und Mitwirkende wie Zuschauer zu vereinen. Weil es von Benjamin Britten so gewollt ist, die Kinderoper im Kirchenraum aufzuführen, musste mitunter manches Kind eine eingeschränkte Sicht von den Bänken aus in Kauf nehmen. Doch weil es nicht nur vorn etwas zu sehen gab, sondern auch Kanzel, Gang und Empore Orte des Geschehens waren, war darüber hinwegzusehen, genauso wie über vereinzelte akustische Einbußen. Ein Regenbogen, der am Ende wie ein Rad über dem Schiffsbug aufgezogen wurde, krönte das Geschehen als Zeichen des neuen Bundes Gottes mit den Menschen. Während zunächst der Rabe (Katharina Hallett) am Ende im Walzertakt ins Ungewisse entschwand, kam die Taube (Friederike Hallett) auf den Schultern Gottes mit einem Ölzweig zurück und kündete von der Rettung, worauf die Tiere mit einem fröhlichen ,,Halleluja" antworteten. Die Sonne, die pünktlich zum Schluss durch die Kirchenfenster schien, unterstrich den begeisterten Applaus des Publikums. Dass sich überdies draußen auch in natura ein Regenbogen über die Stadtkirche spannte, schien dann geradezu übersinnlich.

(Darmstädter Echo, 01. Juni 2010, Rebecca Keller)

Ausblick: Viele Erwachsene braucht es nicht für die Britten-Oper ,,Noah und die Flut" in der Darmstädter Stadtkirche

DARMSTADT. ,,Ein gutes Stück unterhält beide Gruppen: Erwachsene und Kinder." Christian Roß, Kantor der Stadtkirche, gibt sich überzeugt, dass ,,Noah und die Flut" ein gutes Stück ist. Mit seinem Wunsch, die Kinderoper von Benjamin Britten in Darmstadt aufzuführen, habe er bei Staatstheater-Intendant John Dew offene Türen eingerannt. Zusammen mit Katja Renz hat der Kirchenmusiker wesentliche Teile des 1958 uraufgeführten Werks einstudiert, das am Sonntag (30.) ab 18 Uhr Premiere in der Stadtkirche hat: eine Oper mit Kindern für Kinder.
Termine

,,Noah und die Flut" ist am Sonntag (30. ) sowie am 6. und 13. Juni jeweils ab 18 Uhr in der Darmstädter Stadtkirche zu sehen.

Staatstheater und Stadtkirche haben die Produktion gemeinsam gestemmt, die Kinderchöre beider Institutionen stellen das Gros der Mitwirkenden: die rund 60 Chorsänger im Alter zwischen sechs und zehn Jahren und die sechs Kindersolisten zwischen zehn und 14, die in einem Casting ermittelt wurden. Einige von ihnen hatten Erfahrungen sammeln können bei der Aufführung der Britten-Kinderoper ,,Der kleine Schornsteinfeger" vor zwei Jahren am Staatstheater.Die dritte Kinderschar im Bunde ist - neben einer fünften Klasse der Edith-Stein-Schule, die das Programmheft und eine kleine Ausstellung zur Oper in der Kirche gestaltet hat - das Musikschulorchester der Akademie für Tonkunst. Mit Streichern, Blockflöten und Trompeten wird es die kleine Besetzung des Staatstheater-Orchesters (Streichquintett, Blockflöte, Klavier und Schlagzeug) unterstützen.Viel mehr Erwachsene braucht es nicht für dieses Musiktheaterstück, das ihnen nur zwei Gesangsrollen zuweist: Andreas Daum gibt den Patriarchen Noah, der auf Gottes Geheiß eine Arche zur Rettung vor einer angekündigten Flut baut und seine liebe Müh' damit hat, zusammen mit seinen Söhnen seine eigene Frau (Niina Keitel) auf das Schiff zu bugsieren.Die Arbeit mit so vielen Kindern habe ihre Besonderheiten, erzählt Regisseuring Bettina Geyer, die in Darmstadt auch den ,,Schornsteinfeger" inszeniert hat: ,,Sie sind leicht zu begeistern, aber sie sind auch leicht abzulenken." Christian Roß, setzte bei der Einstudierung seit Ende Januar darauf, Leerlauf zu vermeiden und die Interpreten immerzu zu beschäftigen, wie er erzählt.Im Stück selbst passiert sowieso dauernd etwas. In dieser Version der biblischen Geschichte stecke ,,viel Witz", außerdem sei Brittens Musik ,,ansprechend und anspruchsvoll" (Geyer).Und schließlich ist das Publikum in Darmstadt ins Geschehen einbezogen: Zum einen soll es drei Choräle mitsingen. Zum anderen wird es regelrecht in das Bühnenbild hineingesogen. Der Altar der Stadtkirche durfte verschoben werden, nun steht an seiner Stelle eine in den Werkstätten des Staatstheaters gebaute Arche aus Holz und Leinwand als Illuminations-Kunststück. ,,Das Publikum hat das Gefühl, in der Arche zu sitzen und auf deren Bug zu schauen", sagt Kantor Roß. Er selbst leitet als Zweitdirigent auf Bühnenebene die Aufführung; Bartholomew Berzonsky dirigiert die Instrumentalisten auf der Empore. Effektvoll sind auch die Tiermasken, welche die geretteten Kreaturen markieren.Dass rundum die Welt zugrunde geht, steht für die Regisseurin nicht im Mittelpunkt, sondern das Positive: ,,Es ist eine Geschichte von Glaube und Zusammenhalt einer Großfamilie. Sie streitet sich, rauft sich zusammen und holt schließlich auch die Mutter ins Boot." Gott sei zwar auch ein Strafender, räumt Roß ein, aber am Ende verspreche er ja, so etwas nie wieder zu tun, und die Arche-Besatzung darf weiterleben: ,,Letztlich hilft Gott."

(Darmstädter Echo, 27. Mai 2010  |  cris)

Konzert: Bachs Matthäuspassion mit der Darmstädter Kantorei unter der Leitung von Christian Roß in der Stadtkirche

Orgelkonzert: Christian Roß spielt in der Darmstädter Stadtkirche - Uraufführung von Alois Bröders "Triptychon"